NACHRICHTEN
September 10 | Kampf gegen die Armut
Die Beteiligung an der Versammlung der Bürgerorganisation Bót, die Mittwochabend im Rathaus von Reykjavík stattfand, war sehr hoch. Die Organisation ist gegründet worden, um die Armut in Island zu bekämpfen.  more
VIDEO SLIDESHOW
Klicken Sie auf das Bild um eine Slideshow zum Vulkanausbruch auf Fimmvörduháls, zwischen den Gletschern Eyjafjallajökull und Mýrdalsjökull, in Süd-Island zu sehen. Fotos: Bjarni Brynjólfsson und Páll Stefánsson. Musik: Páll Kjartansson.  more

AUS DEM ALLTAG                                     

Das erste Buch eines isländischen Autors, das ich vor vielen Jahren gelesen habe, heisst „Am Gletscher“. Wörtlich übersetzt lautet der Titel des Romans „Kristnihald undir Jökli“ von Halldór Laxness „Seelsorge am Gletscher“.

Der Bischof schickt einen jungen Geistlichen in eine Gemeinde am Snaefellsjökull, um die Vorwürfe gegen Síra Jón Jónsson, genannt Primus zu untersuchen.

Der eigenwillige Pastor hält keine Gottesdienste ab, tauft die Kinder nicht und hat seit 20 Jahren sein Gehalt nicht mehr abgeholt. Aber er repariert in seiner Gemeinde jeden Primuskocher, beschlägt die Pferde und kümmert sich um defekte Motoren.

Vogelfelsen vor Reykjavík, im Hintergrund der sagenumwobene Vulkan Snaefellsjökull.

So skurril sich das liest – Laxness greift hier auf Nebentätigkeiten isländischer Pastoren zurück, die im 19. Jahrhundert noch durchaus üblich waren. 1834 machte ein englischer Reisender folgende Beobachtung:

"Die Geistlichen verrichten gewöhnlich jede nützliche Arbeit selbst, da ihr Einkommen zu klein ist, als dass sie Tagelöhner bezahlen könnten; und sehr oft sieht man einen Pfarrer in einer groben wollenen Jacke Torf graben, Heu mähen und überhaupt jede ländliche Arbeit verrichten. Alle sind zugleich Grobschmiede und verstehen am besten von allen ihren Zunftgenossen auf der Insel, Pferde zu beschlagen ... Der allgemeine Sammelplatz der Bauern ist die Kirche, und hat eines der Pferde ein Hufeisen verloren, so nimmt der Geistliche sein Schurzfell vor, zündet das Kohlenfeuer in der Schmiede an, die sich bei jeder Pfarrei befindet, und macht sich an die Arbeit.“

Pfarrhof Thingvellir um 1865, Illustration von J. Ross Browne.

1814 wollte ein schottischer Geistlicher den dichtenden Kollegen Jón Thorláksson (1744-1819), der John Miltons „Verlorenes Paradies“ ins Isländische übersetzt hatte, kennen lernen.

Er traf ihn im nordisländischen Tal Öxnadalur bei der Heuernte an. Der siebzigjährige Poet bewirtete den Schotten in seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer und schilderte in einem Vierzeiler seine Situation:

„Seit ich die Welt betrat, bin mit der Armut ich vermählt,
Seit siebzig Wintern drückt sie mich an ihren Busen
Und ob wir hier auf Erden noch geschieden werden,
Das ist nur dem bekannt, der uns verband.“

Die Hälfte seines kärglichen Gehaltes musste Thorláksson seinem Kollegen Hallgrímur (dem Vater des berühmten Dichters Jónas Hallgrímsson) überlassen, der für den alten Mann die Amtsgeschäfte führte.

Aber die Pastoren waren nicht nur Bauern und Hufschmiede, sie waren auch so etwas wie Schulinspektoren. Sie kontrollierten, ob die Gemeindemitglieder ihrer elterlichen Bildungspflicht nachkamen.

Während vor 200 Jahren in Europa noch der Analphabetismus grassierte, lernten die isländischen Kinder in den winzigen dunklen Stuben der Torfhöfe lesen und schreiben.

Die Geistlichen, die auf der einzigen Sekundarschule des Landes in Bessastadir, dem späteren Präsidentensitz, ausgebildet wurden, sollen sogar befugt gewesen sein, jungen Frauen, die nicht lesen konnten, die Heirat zu verweigern.

Schlaf- und Arbeitsraum eines Pastors (errichtet 1876). Museumshof Glaumbaer im Skagafjord.

Bereits im 17. Jahrhundert überwachten die Pastoren das häusliche Lesenlernen. Stefán Ólafsson (1619-1688), neben Hallgrímur Pétursson einer der bedeutendsten Barockdichter Islands, der die Pfarrei Vallanes in Ostisland betreute, drohte in seinem Grýlagedicht, die schreckliche Trollfrau werde all die Kinder holen, „die träge im Lesen und Singen“ seien.

Ólafsson dichtete zur religiösen und moralischen Unterweisung und zur Unterhaltung seiner Gemeindemitglieder an dunklen Wintertagen, er gab aber auch praktische Ratschläge in Gedichtform.

So bessere Tabak, massvoll geschnupft oder geraucht, Brustschwäche und Wassersucht; zu viel aber „trübt den Blick und raubt die Kraft, steigert die schlechte Laune; den Geruchssinn stiehlt der dichte Rauch, verrusst einen Teil der Stirn, vergällt den Appetit, löscht den Durst nicht.“

Die Zeiten, da Pastoren Hufeisen und Verse schmiedeten und unbekümmert heidnische Fabelwesen zu Erziehungszwecken einsetzten, sind lang vorbei. Übrig geblieben sind die vielen kleinen Kirchen. Um 1810 gab es 305 Kirchen, auf je 155 Einwohner Islands kam eine. Heute sind es 322 evangelisch-lutherische Gotteshäuser für eine um ein Vielfaches gewachsene Bevölkerungszahl.

Die Kirchlein stehen nun ziemlich verwaist neben Höfen herum, die keine Pfarrhöfe mehr sind. Die Bauern, auf deren Grund so ein Gotteshaus steht, müssen es unterhalten; ab und zu spielen ihre Kinder darin und üben sich im Kanzelpredigen. Die Pastoren leben fernab in der Stadt und kommen zwei- oder dreimal im Jahr, um ein Kind zu taufen oder den Weihnachtsgottesdienst abzuhalten.

In der Kirche von Laufás im Eyjafjord.

Um 1930, zu der Zeit als man die alten Torfkirchen abriss und durch Steinbauten ersetzte, entstand das Projekt der Hallgrímskirkja. Doch erst 1945, nachdem sich Island von Dänemark unabhängig erklärt hatte, wurde mit ihrem Bau begonnen.

Sie ist mit 74,5 Metern das höchste Gebäude von Reykjavík, das noch dazu auf einem Hügel steht. Während die Türme unserer Kathedralen längst im Dschungel der Hochhäuser untergegangen sind, prägt die Hallgrímskirkja das Stadtbild Reykjavíks von allen vier Himmelsrichtungen aus. Hätte sie dem Psalmendichter Hallgrímur Pétursson, dessen Namen sie trägt, gefallen?

Die Architektur soll an Basaltsäulen und Gletscher erinnern, aber braucht es wirklich so viel Beton, um auf das zu verweisen, was vor der Haustür liegt?

Blick vom ehemaligen Bischofssitz Skálholt auf den Vulkangletscher Eyjafjallajökull und seine Aschewolke, April 2010.

Die Hallgrímskirkja ist imposant – schön finde ich sie nicht. Wie eine Glucke sitzt sie auf der Hauptstadt, ein Symbol des Machtanspruchs der evangelisch-lutherischen Staatskirche, die sich Thjódkirkja (Volkskirche) nennt, aber ihre Volksnähe schon lange verloren hat, auch wenn ihr noch über 80 Prozent der Isländer angehören.

Man hat die Hallgrímskirkja letztes Jahr aufwendig saniert. Die Sanierung der isländischen Kirche steht noch an. Die Isländer denken angesichts jüngster Skandale über die längst überfällige Trennung von Kirche und Staat nach.

Im Roman „Am Gletscher“ fragt der Vertreter des Bischofs: „Wer hat diese Kirche zugenagelt? Was kann man da tun?“ Síra Jón antwortet: „Der Gletscher steht offen.“

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net

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22/03/2010 | 11:00

Lightshow

„Und? Hast du schon ein Nordlicht gesehen?“ bin ich diesen Winter sicher schon zehnmal gefragt worden. „Erzähl doch mal!“

Winter – Island – Nordlicht. Ist doch klar.

Weiter drüben im Osten bietet ein Hotel im Winter Nordlichttouren an – für die ganz Harten, die Geld dafür bezahlen, sich mitten in der Nacht wecken zu lassen, in einen Bus zu springen und irgendwo im Nirgendwo Nordlicht anzugucken, von dem man nie weiss, ob es fünf Sekunden oder eine Stunde dauern wird.

Diesen Winter konnten sie durchschlafen – bis Mitte Januar spielte das Nordlicht nämlich eine Diva, die sich nur hin und wieder und meistens doch lieber gar nicht blicken liess.

Manchmal zeigte es einen vornehmen Hauch – den man aber leicht mit dem Lichtschein der Gewächshäuser verwechseln kann (so erging es mir). Meistens war es zu warm, oder zu windig, oder zu bewölkt, oder alles drei zusammen – alles Dinge, die das Nordlicht nicht mag.

Und gab es doch mal eins, hörte man am nächsten Tag davon. „Hast du gestern Abend das Nordlicht gesehen??“ – „Nein! Wann??“

Mein Freund schaute jeden Abend für mich aus der Haustür, bevor er schlafen ging, und nie gab es ein Gutenachtnordlicht. Ich begann zu glauben, dass das alles Mumpitz ist, ein hübsches Märchen für den Kontinentaleuropäer, der ja auch so gerne Elfengeschichten glauben will.

Die Nordlichter über Breiddalsvík. Foto: Páll Stefánsson.

Letzte Woche aber rief er gegen Mitternacht von unterwegs an. Ich müsse raus, schnell, da sei Nordlicht, vom feinsten.

Wer gegen Mitternacht anruft, meint es ernst. Ich war schlau und zog mir gleiche warme Kleider an, in der Hoffnung auf mehr als eine fünf-Sekunden-Show. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Es gab nämlich ein echtes Drama am Himmel zu erleben – eine Oper in drei Akten.

Sie hatte längst begonnen, als ich in den nächtlichen Zuschauerraum schlich. Seidene Tücher wallten zögernd über den Berg, ein paar giftgrüne Vorhänge, hinter denen sich der Künstler verbarg.

Eine Art zweite Milchstrasse spannte sich zusätzlich über unser Dorf – sie war der zweite Akt, denn als sie wuchs und akkurat einen nächtlichen Regenbogen mimte, kam der Künstler hinter dem Vorhang hervor ... vielleicht um den Menschen zu beweisen dass sie nicht alleine sind:

Aus dem Bogen war ein Paar Flügel gewachsen, deren Schwingen sich mächtig und schützend von einem Berg über unser Dorf hinüber zum anderen Berg breiteten. Die Luft spielte freundlich mit den Federn und die Flügel waren nicht mehr grün, sondern strahlend weiss.

Lautlos blieben die riesigen Schwingen über unserem Dorf stehen, obwohl man auf ein Rauschen, einen erlösenden Flügelschlag förmlich wartete. Selbst die Atmosphäre hielt den Atem an. Reglosigkeit macht Stille erst vollkommen.

Dann begannen die Federn der rechten Seite sich zu kringeln, wie wenn der Regen Locken durchnässt und sie sich hochziehen.

Und wie elastische kleine Locken tanzten nun auch die Kringel umeinander herum, auf und nieder, vorwärts und zurück, und der Wind blies einzelne Härchen hierhin und dortin und spielte zärtlich mit ihnen, bis die Locken sich ihm entzogen und einvernehmlich in eine neue, hellgrüne Metamorphose tauchten.

Und dann war der Engel fort.

Es ist dicht an der Furcht, was man empfindet, wenn man des Nachts schräg unterhalb des Polarkreises alleine im Stockfinsteren steht und über einem der Himmel zu leben und zu toben beginnt.

Da hilft kein physikalisches Wissen, keine postmoderne Nüchternheit, kein Rationalismus.
Es ist dicht an der Furcht, es ist Respekt, es ist Demut – und es fragt nach Gott.

Dagmar Trodler – dagmar.trodler@gmx.de 
www.dagmartrodler.de





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