
Die Beteiligung an der Versammlung der Bürgerorganisation Bót, die Mittwochabend im Rathaus von Reykjavík stattfand, war sehr hoch. Die Organisation ist gegründet worden, um die Armut in Island zu bekämpfen.
more
Klicken Sie auf das Bild um eine Slideshow zum Vulkanausbruch auf Fimmvörduháls, zwischen den Gletschern Eyjafjallajökull und Mýrdalsjökull, in Süd-Island zu sehen. Fotos: Bjarni Brynjólfsson und Páll Stefánsson. Musik: Páll Kjartansson.
more
Das erste Buch eines isländischen Autors, das ich vor vielen Jahren gelesen habe, heisst „Am Gletscher“. Wörtlich übersetzt lautet der Titel des Romans „Kristnihald undir Jökli“ von Halldór Laxness „Seelsorge am Gletscher“.
Der Bischof schickt einen jungen Geistlichen in eine Gemeinde am Snaefellsjökull, um die Vorwürfe gegen Síra Jón Jónsson, genannt Primus zu untersuchen.
Der eigenwillige Pastor hält keine Gottesdienste ab, tauft die Kinder nicht und hat seit 20 Jahren sein Gehalt nicht mehr abgeholt. Aber er repariert in seiner Gemeinde jeden Primuskocher, beschlägt die Pferde und kümmert sich um defekte Motoren.
Vogelfelsen vor Reykjavík, im Hintergrund der sagenumwobene Vulkan Snaefellsjökull.
So skurril sich das liest – Laxness greift hier auf Nebentätigkeiten isländischer Pastoren zurück, die im 19. Jahrhundert noch durchaus üblich waren. 1834 machte ein englischer Reisender folgende Beobachtung:
"Die Geistlichen verrichten gewöhnlich jede nützliche Arbeit selbst, da ihr Einkommen zu klein ist, als dass sie Tagelöhner bezahlen könnten; und sehr oft sieht man einen Pfarrer in einer groben wollenen Jacke Torf graben, Heu mähen und überhaupt jede ländliche Arbeit verrichten. Alle sind zugleich Grobschmiede und verstehen am besten von allen ihren Zunftgenossen auf der Insel, Pferde zu beschlagen ... Der allgemeine Sammelplatz der Bauern ist die Kirche, und hat eines der Pferde ein Hufeisen verloren, so nimmt der Geistliche sein Schurzfell vor, zündet das Kohlenfeuer in der Schmiede an, die sich bei jeder Pfarrei befindet, und macht sich an die Arbeit.“
Pfarrhof Thingvellir um 1865, Illustration von J. Ross Browne.
1814 wollte ein schottischer Geistlicher den dichtenden Kollegen Jón Thorláksson (1744-1819), der John Miltons „Verlorenes Paradies“ ins Isländische übersetzt hatte, kennen lernen.
Er traf ihn im nordisländischen Tal Öxnadalur bei der Heuernte an. Der siebzigjährige Poet bewirtete den Schotten in seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer und schilderte in einem Vierzeiler seine Situation:
„Seit ich die Welt betrat, bin mit der Armut ich vermählt,
Seit siebzig Wintern drückt sie mich an ihren Busen
Und ob wir hier auf Erden noch geschieden werden,
Das ist nur dem bekannt, der uns verband.“
Die Hälfte seines kärglichen Gehaltes musste Thorláksson seinem Kollegen Hallgrímur (dem Vater des berühmten Dichters Jónas Hallgrímsson) überlassen, der für den alten Mann die Amtsgeschäfte führte.
Aber die Pastoren waren nicht nur Bauern und Hufschmiede, sie waren auch so etwas wie Schulinspektoren. Sie kontrollierten, ob die Gemeindemitglieder ihrer elterlichen Bildungspflicht nachkamen.
Während vor 200 Jahren in Europa noch der Analphabetismus grassierte, lernten die isländischen Kinder in den winzigen dunklen Stuben der Torfhöfe lesen und schreiben.
Die Geistlichen, die auf der einzigen Sekundarschule des Landes in Bessastadir, dem späteren Präsidentensitz, ausgebildet wurden, sollen sogar befugt gewesen sein, jungen Frauen, die nicht lesen konnten, die Heirat zu verweigern.
Schlaf- und Arbeitsraum eines Pastors (errichtet 1876). Museumshof Glaumbaer im Skagafjord.
Bereits im 17. Jahrhundert überwachten die Pastoren das häusliche Lesenlernen. Stefán Ólafsson (1619-1688), neben Hallgrímur Pétursson einer der bedeutendsten Barockdichter Islands, der die Pfarrei Vallanes in Ostisland betreute, drohte in seinem Grýlagedicht, die schreckliche Trollfrau werde all die Kinder holen, „die träge im Lesen und Singen“ seien.
Ólafsson dichtete zur religiösen und moralischen Unterweisung und zur Unterhaltung seiner Gemeindemitglieder an dunklen Wintertagen, er gab aber auch praktische Ratschläge in Gedichtform.
So bessere Tabak, massvoll geschnupft oder geraucht, Brustschwäche und Wassersucht; zu viel aber „trübt den Blick und raubt die Kraft, steigert die schlechte Laune; den Geruchssinn stiehlt der dichte Rauch, verrusst einen Teil der Stirn, vergällt den Appetit, löscht den Durst nicht.“
Die Zeiten, da Pastoren Hufeisen und Verse schmiedeten und unbekümmert heidnische Fabelwesen zu Erziehungszwecken einsetzten, sind lang vorbei. Übrig geblieben sind die vielen kleinen Kirchen. Um 1810 gab es 305 Kirchen, auf je 155 Einwohner Islands kam eine. Heute sind es 322 evangelisch-lutherische Gotteshäuser für eine um ein Vielfaches gewachsene Bevölkerungszahl.
Die Kirchlein stehen nun ziemlich verwaist neben Höfen herum, die keine Pfarrhöfe mehr sind. Die Bauern, auf deren Grund so ein Gotteshaus steht, müssen es unterhalten; ab und zu spielen ihre Kinder darin und üben sich im Kanzelpredigen. Die Pastoren leben fernab in der Stadt und kommen zwei- oder dreimal im Jahr, um ein Kind zu taufen oder den Weihnachtsgottesdienst abzuhalten.
In der Kirche von Laufás im Eyjafjord.
Um 1930, zu der Zeit als man die alten Torfkirchen abriss und durch Steinbauten ersetzte, entstand das Projekt der Hallgrímskirkja. Doch erst 1945, nachdem sich Island von Dänemark unabhängig erklärt hatte, wurde mit ihrem Bau begonnen.
Sie ist mit 74,5 Metern das höchste Gebäude von Reykjavík, das noch dazu auf einem Hügel steht. Während die Türme unserer Kathedralen längst im Dschungel der Hochhäuser untergegangen sind, prägt die Hallgrímskirkja das Stadtbild Reykjavíks von allen vier Himmelsrichtungen aus. Hätte sie dem Psalmendichter Hallgrímur Pétursson, dessen Namen sie trägt, gefallen?
Die Architektur soll an Basaltsäulen und Gletscher erinnern, aber braucht es wirklich so viel Beton, um auf das zu verweisen, was vor der Haustür liegt?
Blick vom ehemaligen Bischofssitz Skálholt auf den Vulkangletscher Eyjafjallajökull und seine Aschewolke, April 2010.
Die Hallgrímskirkja ist imposant – schön finde ich sie nicht. Wie eine Glucke sitzt sie auf der Hauptstadt, ein Symbol des Machtanspruchs der evangelisch-lutherischen Staatskirche, die sich Thjódkirkja (Volkskirche) nennt, aber ihre Volksnähe schon lange verloren hat, auch wenn ihr noch über 80 Prozent der Isländer angehören.
Man hat die Hallgrímskirkja letztes Jahr aufwendig saniert. Die Sanierung der isländischen Kirche steht noch an. Die Isländer denken angesichts jüngster Skandale über die längst überfällige Trennung von Kirche und Staat nach.
Im Roman „Am Gletscher“ fragt der Vertreter des Bischofs: „Wer hat diese Kirche zugenagelt? Was kann man da tun?“ Síra Jón antwortet: „Der Gletscher steht offen.“
Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net
Die Strasse führte geradeaus ins Dunkel. Nur die Scheinwerfer und ein paar Sterne funkelten. Ich riskierte einen Seitenblick auf meinen Fahrlehrer: „Wohin fahren wir?“
„Das ist die Dreamroute No. 1. Man kann vorher nie wissen, wohin sie führt.“
Oh, dachte ich, das kann ja eine romantische Sonderfahrt werden.
„Mach die Scheinwerfer aus“, rief mein Fahrlehrer aufgeregt, als sich am Horizont ein Lichtstreifen zeigte, „sie erschrecken sich sonst!“
Nun war ich doch etwas perplex.
„Das ist eine besondere Situation, tu einfach, was ich dir sage,“ bat er.
Ja, das Licht hatte sich in Windeseile ausgebreitet, verfärbte sich, flammte auf und waberte hin und her. Nordlichter! Langsam liess ich unser lichtlose Gefährt auf das grandiose Spektakel am nächtlichen Himmel zurollen.
Ein Gebäude tauchte aus dem Nichts auf. „Hier machen wir Pause“, sagte mein Fahrlehrer. Ich parkte den Wagen neben dem handgeschriebenen Schild „Wirtshaus zum törichten Mann“.
Vor der Tür standen ein paar rauchende Männer, starrten abwechselnd auf die Nordlichter und auf eine Gestalt, die deklamierte:
„Nun lacht jeder Stern, auch wenn die Hoffnung trog,
und der Geist entschwebt in höhere Regionen.“
Ein langer schwarzer Mantel umwehte den Vortragenden. Wie ein hungriger Totenvogel hockte ein Schnurrbart in dem bleichen Gesicht.
„Wir erkennen unsere Kraft, wir erobern in der Nacht
unser Bürgerrecht im Reich des Lichts.“
Mich schauderte. Mit welchen Mächten der Finsternis war dieser Geist im Bunde?
„Hallo!“ In der Tür stand einer und zwinkerte mir belustigt zu. „Ich bin Einar Kárason und das Gespenst da heisst auch Einar und hat schon meinen Grossvater ruiniert.“
„Oh, dann ist das der grosse Dichter Einar Benediktsson, der auf Island Gold schürfen wollte?“
Einar Kárason nickte. „Ja, der Einar Ben.“ Ich warf einen zweiten Blick auf den gespenstischen Dichter-Geschäftsmann. Von Rechts wegen musste er seit 70 Jahren tot sein. Was tat er hier? Wollte er mal wieder den Dettifoss, den schönsten Wasserfall Islands zu Geld machen?
„Komm rein,“ sagte Einar Kárason, „da ist noch Einar, den ich dir vorstellen will.“
Im Wirtshaus zum törichten Mann brannte kein Licht – der Schein der Nordlichter reichte aus, den Schankraum zu illuminieren. Von einem der Holztische erhob sich ein weisshaariger Mann, schwenkte sein Glas und eilte erfreut auf Einar zu: „Reich mir die Nordlichter, lieber Freund!“
Einar Kárason griff in seine Jackentasche und zog ein kleines, verängstigtes Nordlicht hervor. Der Weisshaarige stellte es behutsam auf den Tisch und setzte sich wieder.
An welch verrücktem Ort war ich gelandet? Ich begann die Konterfeis der törichten Männer zu studieren, die die Wände des Gastraums zierten. Politiker gab es da jede Menge und Wirtschaftsexperten. Manche waren beides und beanspruchten zugleich noch Schriftstellerruhm wie ihr grosses Vorbild Einar Ben. Ich vermisste einige Köpfe, aber wahrscheinlich fehlten denen die Attribute dummdreist und dilettantisch und sie waren einfach nur kriminell.
Unterdes hatte sich das kleine Nordlicht erholt und sah nicht mehr ganz so blau aus. Die beiden Einars waren in eine ernste Debatte vertieft.
„Nun haben sie schon unser ganzes Land verspielt und dann kommt noch dieser uralte Ganove und will unsere Nordlichter verkaufen.“
„Ach, die Briten werden ja jetzt etwas vorsichtiger sein – die kaufen ihm bestimmt nichts mehr ab!“
„Setz dich zu uns“, forderte Einar Kárason mich auf, „das ist mein Freund und Kollege Einar Már. Die Topfdeckelrevolution hat ihn zu ihrem Dichterfürsten gekrönt und nun ist er hier, um die Nordlichter zu retten.“
„Nordlichtaktien! Kaufen Sie heute! Eine eisbombensichere Sache!“, tönte es von draussen herein.
„Das kann nicht wahr sein!“, rief Einar Már, „Dieser Ben ist doch nichts weiter als ein Karnevalsscherz! Da wollte mich jemand auf eine falsche Fährte locken. Das ist ein ganz schäbiger Butterflöckchentrick!“
„Butterflöckchentrick?“ Ich sah den Revolutionsdichter fragend an.
„Keine Zeit mehr, leider! Den Trick kannst du in meinem neuen Buch nachlesen. Gibt's ja jetzt auch auf deutsch.“
Er blies das Nordlicht aus, rief:
„Wir ziehen dem Dunkel die Haut ab
und köpfen das Elend!“
und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Worauf der Tisch im Boden versank und mit ihm das Wirtshaus zum törichten Mann samt Inventar und Gespenstern.
Und ich fand mich im Wagen wieder.
„Bitte halte beim nächsten Mal nicht so nahe am Abgrund!“, sprach da mein Fahrlehrer mit sanftem Tadel. Bevor ich den Rückwärtsgang einlegen konnte, wachte ich auf.
-------
Mein Traum wurde von dem Gedicht Nordurljós (Nordlichter) von Einar Benediktsson (1864-1940) und zwei lesenswerten Büchern gespeist:
Soeben bei Hanser erschienen:
Einar Már Gudmundsson: Wie man ein Land in den Abgrund führt. Die Geschichte von Islands Ruin.
Schon etwas älter, aber krisentauglich:
Einar Kárason: Törichter Männer Rat. Roman.
Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net