Der Verbraucherpreisindex (VPI) liegt im Juli bei 361,7 Punkten, um 0,66 Prozent unter den Juni-Zahlen. Die jährliche Inflationsrate beträgt 4,8 Prozent und ist laut Statistischem Amt seit März 1986 zwischen zwei Monaten nicht mehr so schnell gesunken.
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Klicken Sie auf das Bild um eine Slideshow zum Vulkanausbruch auf Fimmvörduháls, zwischen den Gletschern Eyjafjallajökull und Mýrdalsjökull, in Süd-Island zu sehen. Fotos: Bjarni Brynjólfsson und Páll Stefánsson. Musik: Páll Kjartansson.
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Reisen auf den Spuren der Sagas kann man buchen, nicht aber jene Literaturreise, die ich vor zwei Jahren unternahm. Ich wählte vier isländische Gedichte. Sie sollten mich leiten, aber auch inspirieren, denn durch meinem Kopf spukten erste Ideen für eine Geschichte, die ich schreiben wollte.
Das Problem waren meine fehlenden Isländischkenntnisse: Die sehr langen, allesamt von Pfarrern verfassten Gedichte sind nie ins Englische oder Deutsche übersetzt worden. Sie gehören der im 17. Jahrhundert aufgekommenen Gattung der Grýlukvaedi an und schildern den wüsten Zug der Trollfrau Grýla durch Ost- und Nordisland.
Eines der ältesten Grýlukvaedi, das am Lagarfljót in Ostisland spielt, stammt von dem Dichter und Pfarrer Stefán Ólafsson (1619-1688). Der „Horaz Islands“ hatte in Dänemark studiert und 1649, vor genau 350 Jahren, die Pfarrei Vallanes am Lagarfljót übernommen.
Stefán Ólafsson.
In seinem Grýlagedicht sind zum ersten Mal die Jólasveinar erwähnt, die Kinder Grýlas. Nach der Volksüberlieferung suchen diese 13 Weihnachtsjungen die menschlichen Behausungen in der Vorweihnachtszeit heim, stehlen Essen und treiben anderen Unfug.
Ólafssons Gedicht über Grýla ist nicht vollständig erhalten und besteht daher „nur“ aus 52 Vierzeilern. Wenn ich richtig übersetzt habe, lauten die ersten Strophen (gekürzt um Zeilendoppelungen) folgendermassen:
„Die Reisen ins Fljótsdal haben nicht abgenommen; daran sieht man, hier leben wohlhabende Leute. Sie beherbergen Reisende und Gäste. Gruppen von Bettlern drängen sich hier am meisten und ein Kranz alter Frauen – nun sind schon achtzehn auf der Rundreise. Ich sehe, Grýla ist hierher gekommen, unersättlich wie ein Adler. Sie ist so wählerisch, sie will nicht die guten Kinder, sie nimmt die, die viel heulen und lärmen. Greift sich die, die träge sind beim Lesen und Singen, sie sind ihr angenehm, wenn sie hungrig ist.“
Lagarfljót bei Egilsstadir.
Das 17. Jahrhundert war in Island reich an Katastrophen, Hunger und Ausbeutung. Grýla tritt wie das „Gespenst der Armut“ auf, das den bescheidenen Wohlstand der Bauern bedroht.
Dann beschreibt Ólafsson ihr fürchterliches Aussehen: riesige Ohren, einen Kiefer wie eine Hündin, eine gewaltige, achtzehnfach verdrehte Widdernase, Hände so gross wie ein Kalb ... Kein Wunder, dass die Trollfrau noch heute isländischen Kindern Furcht einflösst, auch wenn sie sofort versichern, Grýla gäbe es gar nicht.
Am Pfingstsonntag des Jahres 2007 umrundete ich den Lagarfljót teils zu Fuss, teils per Anhalter. Es war ein strahlend schöner Frühlingstag, kaum dazu angetan, sich vorzustellen, wie die Trollfrau von Hof zu Hof zieht, Kinder bedroht und Nahrungsmittel erpresst.
Grýla am Lagarfljót. Montage unter Verwendung einer Abbildung der Skulptur "Grýla" von Steingrímur Eyfjörd.
Am nächsten Tag wollte ich Vallanes besichtigen, wo der Dichter Ólafsson gelebt hatte. Auf der Karte war ein Hof und ein Kirchlein verzeichnet. Nach etwa zehn Kilometern kam ich auf die Idee, die Unternehmung per Pferd fortzusetzen und folgte dem Wegweiser zu einem Reiterhof.
Der freundliche Besitzer erklärte mir, der Fluss Grímsá sei im Frühjahr zu reissend, um ihn auf dem Reitpfad nach Vallanes gefahrlos zu überqueren. Reiten wollte ich dennoch – was dann folgte war ein ziemlich peinlicher Sturz vom Pferd, der sich allerdings gut in meine Geschichte einbauen liess.
Ein halbes Jahr später schlug ich eines Abends mein Minizelt bei Hallormstadur auf. Am nächsten Tag wollte ich eine Wanderung in die Berge unternehmen, wo sich laut Ólafssons Gedicht Grýlas Behausung befunden hatte.
Gegen fünf Uhr morgens wachte ich auf: Der Schlafsack war nass, die Zeltplane hing durch, es regnete in Strömen. Nach drei Stunden gab ich auf und fuhr mit dem Schulbus nach Egilsstadir zurück. Dennoch bot der verregnete Tag, den ich dort verbrachte, reichlich Anregungen für meine Geschichte.
Bücher nach Island schleppen ist so ähnlich wie Eulen nach Athen tragen. Im Frühjahr dieses Jahres hatte ich etliche Exemplare meiner Geschichte, die in einer kleinen Verschenkauflage fertig war, im Gepäck.
Nach der Trollfrau und dem Weg nach Vallanes suchte ich nicht mehr. In einem Antiquariat in Akureyri jedoch fiel mir ein Band mit Ólafssons Gedichten in die Hände.
Nach meiner Rückkehr bewarb mich bei der isländischen Freiwilligenorganisation SEEDS, die Projekte im ökologischen und kulturellen Bereich organisiert.
Ich wurde angenommen und stellte überrascht fest, dass der Biohof, auf dem ich im September arbeiten werde, Vallanes ist. Ob Zufall oder trollige Fügung – mich freut es, Vallanes nun doch noch zu erreichen.
Ich verabschiede mich also für die nächsten Wochen von der Iceland Review und ihren Lesern, um Kartoffeln und Rüben zu ernten und in der freien Zeit vielleicht wieder auf Trollpfaden zu wandeln.
Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
PS: Das beliebte Grýlukvaedi von Ólafsson wird gesungen. Dem alten Volkslied hat Valgeir Sigurdsson eine moderne Form gegeben. Es ist nun der Soundtrack zum Film Draumalandid (Traumland), der nach dem gleichnamigen Buch von Andri Snaer Magnason die Umweltzerstörung durch das Kárahnjúkar-Staudamm-Projekt dokumentiert.