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Klicken Sie auf das Bild um eine Slideshow zum Vulkanausbruch auf Fimmvörduháls, zwischen den Gletschern Eyjafjallajökull und Mýrdalsjökull, in Süd-Island zu sehen. Fotos: Bjarni Brynjólfsson und Páll Stefánsson. Musik: Páll Kjartansson.  more

AUS DEM ALLTAG                                     
29/03/2010 | 15:58

Düstere Damen und Gelächter hinterm Steinfrauennacken

Das isländische Telefonbuch verzeichnet etwa 60 Einträge des Vornamens Hekla. Über einhundert Isländerinnen heissen Katla. Die berühmtesten Trägerinnen dieser Namen aber sind Vulkane. Zusammen mit Krafla gehören sie zu den tätigsten Vertreterinnen ihrer Art.

Hekla galt dem Europäer des Mittelalters als das ultimative Tor zur Hölle, in die seine verdammte Seele wie ein lebensmüder Nachtfalter hineintaumelte. Madame Hekla war in internationalen Verruf geraten, weil sie im Jahre 1104 rücksichtslos ihr Häkelhäubchen über der halben Insel ausgeschüttelt hatte. Erst die Archäologen von heute wissen dies zu schätzen: Alles was unter dieser charakteristischen Aschenschicht liegt, können sie bequem der Besiedlungszeit zuordnen.

Ausschnitt aus der Islandkarte von 1648: Höllenfeuer Hekla, darunter Eyjafjallajökull, rechts davon der Fluss Skaftá.

Katla hingegen, die ihren Kessel unter dem Mýrdalsjökull-Gletscher verbirgt, kann sich derzeit rühmen, der am sorgfältigsten überwachte Vulkan der Erde zu sein.

Kann es wieder so schlimm kommen wie im 18. Jahrhundert? Das fragen sich ängstliche Zeitgenossen angesichts des jüngsten Ausbruchs am Fimmvörduháls, am Rande des Eyjafjallajökull.

Ein kurzer Rückblick: Das katastrophenreiche Jahrhundert kündigte sich 1693 durch einen der verheerendsten Ausbrüche der Hekla an. Sieben Monate lang brannte das Höllenfeuer, wälzten sich Lava, Schutt und Gletscherläufe hinab. Höfe und Weideland wurden zerstört, Vieh, Vögel und Fische starben an Fluorvergiftung.

Die erste Plage des neuen Jahrhunderts kam als Pockenepidemie, die zwei Jahre lang im ganzen Land wütete und etwa ein Viertel der Bevölkerung hinwegraffte.

1724 begann die Krafla mit ihrem Feuerwerk. Fünf Jahre lang illuminierten die Mývatn-Feuer das nördliche Hochland. Krafla (die „Herumwühlerin“) schuf den Höllen-Krater Víti und begrub die Höfe von Reykjahlíd, machte jedoch ehrfürchtig vor der Kirche halt.

Um 1750 kam es zu einer Hungersnot, verursacht durch eine ungewöhnliche Kälteperiode. Das Vieh starb, Packeis machte den Fischfang vor der Nordküste unmöglich und blockierte 1756 sogar die Südküste. Innerhalb von zehn Jahren waren von 49.000 Isländern nur noch 43.000 am Leben.

Irgendwann davor oder danach brach auch die – heute so gefürchtete – Katla aus, was aber damals ein relativ unbedeutendes Ereignis gewesen sein muss.

Gerade hatte sich die Bevölkerungszahl wieder regeneriert (Krisenzeiten führten schon damals zu einem Babyboom), da kam die letzte und schwerste Plage des Jahrhunderts über Island.

An Pfingsten des Jahres 1783 erhob sich über dem Bezirk Vestur-Skaftafellssýsla eine dunkle Wolke, aus der schwarze Asche regnete. Der Fluss Skaftá verwandelte sich in einen glühenden Lavastrom.

Mit diesen Skaftáeldar (Skafta-Feuern) begann die Naturkatastrophe, die sich in der Laki-Spalte zwischen den Gletschern Mýrdalsjökull und Vatnajökull entwickelte und Island in Móduhardindin, die Nebel-Notzeit, stürzte. Man schätzt, dass innerhalb von drei Jahren etwa 20 Prozent der Isländer infolge des Laki-Ausbruches ums Leben kamen.

100 Millionen Tonnen in die Atmosphäre geschleudertes Schwefeldioxid führte auch auf den britischen Inseln zu Vergiftung, Missernten und Hungersnot und beeinflusste das Wetter in Europa.

Ja, es gibt sogar Leute, die eine hübsche Ursachenkette zwischen dem Laki-Ausbruch und der Französischen Revolution knüpfen: Wenn Laki nicht ausgebrochen wäre, hätte Frankreich wärmere Sommer erlebt und keine Missernten, die zu Teuerung, Hunger und Volkszorn führten...

Sceenshot von der Webcam auf dem Thórólfsfell, 25.3.2010.

Beim Übersetzen von Vulkanmeldungen fallen mir immer wieder Formulierungen auf wie „die Wissenschaftler glauben“ oder „Vulkanologen halten es für wahrscheinlich“.

Es ist faszinierend: Wissenschaftler können die giftigen Substanzen in der Asche genauestens analysieren und die Stärke der Beben und die Temperatur der Lava exakt messen; sogar Grösse und Lage der Magmakammern sind bestimmbar – doch das Eruptionsgeschehen lässt sich nicht vorausberechnen.

Es gibt Notfallpläne für den Fall, dass auch Katla ausbricht. Aber darüber zu spekulieren, wann und in welcher Stärke das sein wird, ist müssig, denn es kann jederzeit passieren.

Und so sehen die glücklichen Nachkommen derer, die die Laki- und andere Katastrophen überlebten, gelassen auf den kleinen Ausbruch am Fimmvörduháls und machen sich über sich selbst und den Rest der Welt lustig:

„Island ist wahrscheinlich der einzige Fleck auf der Erde, auf dem die Einheimischen mit der ganzen Familie an Bord zum Vulkanausbruch rasen, um ihn von nahem zu beschauen – anstelle zu machen, dass sie davonkommen.“

Und in der Tat: Tausende, so lese ich in der Iceland Review, Tausende machten sich am zweiten Ausbruchswochenende von Skógar aus auf den Weg zum Pass Fimmvörduháls, andere verschafften sich per Hubschrauber einen tieferen, wenn auch teureren Einblick in das eruptive Geschehen.

Vördur markieren die Routen durch unwegsames Gebiet. Man nennt diese Steinhaufen auch Steinmänner, oder besser (weil vördur weiblich sind) Steinfrauen.

Die ersten Hundertschaften pilgerten um fünf Uhr morgens über den Fünf-Steinfrauen-Nacken. Wenn ich mir das so bildlich vorstelle...

Einen Tag zuvor hat es ein bekannter Schriftsteller, der gerade von der Leipziger Buchmesse zurückgekommen war, auf den Punkt gebracht: Der Ausbruch ist Teil der isländischen Kultur. Und er liess seine ausländischen Facebook-Freunde wissen, man habe u.a. einen Banker und drei Touristen geopfert, um die Wut der Feuergötter zu besänftigen. (Eine Isländerin merkte sogleich kritisch an, die Feuergötter seien mit einem Banker wohl kaum zufrieden.)

Schwarzen Humor zeichnet auch die Facebook-Kreation „Katla will explode and destroy Planet Earth“ aus, die nach drei Tagen schon über 3.000 Fans verzeichnete – die meisten davon Isländer, die sich köstlich über Panikmache im Rest der Welt amüsieren.

Ein paar Kostproben:

„Während alle da draussen in der Welt Panik schieben, entspannen wir uns hier in Island.“ – „Das kommt daher, weil Isländer Wikinger sind, die nach Feierabend zum Lavasurfen gehen.“

„Ein altes isländisches Spruch sagt: 'Wir werden alle, wir werden alle, wir werden alle ... sterben.' Das passt sicherlich auf die jetzige Situation in Island.“

Sceenshot von der Webcam am Fimmvörduháls, 28.3.2010.

Noch bietet der Ausbruch am Fimmvörduháls alles, was Island gerade gut brauchen kann: ein grandioses Schauspiel, eine wahre Aufhellung des tristen Krisenwinteralltags, einen wunderbaren Touristenmagnet und jede Menge Sympathiepunkte aus dem Ausland für das „tapfere Völkchen am Rande des Polarkreises“. Doch wie lange noch?

Ich flehe die fünf Steinfrauen und den Feuerriesen Logi jedenfalls ganz egoistisch an: Bitte, bitte lasst den Vulkan wenigstens so lange so schön weiterspucken, bis ich ihn mit eigenen Augen betrachten kann!

Für die nächsten Wochen verabschiede ich mich schon einmal von allen treuen Leserinnen und Lesern der deutschen Iceland Review und verspreche, mit ein paar schönen Alltags- und Vulkangeschichten aus Island zurückzukommen.

Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net


August 03 | Kinderland Island
April 26 | Asche-Regen
April 19 | Ashes to ashes…
March 22 | Lightshow
February 22 | Vom Wert der Dinge
February 16 | Einar und noch einer



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