Neu in der ersten Fussball-Bundesliga kickt künftig der Isländer Gylfi Thór Sigurdsson. Er wechselt vom Englischen Zweitliga-Verein FC Reading zur TSG 1899 Hoffenheim ins Mittelfeld.
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Klicken Sie auf das Bild um eine Slideshow zum Vulkanausbruch auf Fimmvörduháls, zwischen den Gletschern Eyjafjallajökull und Mýrdalsjökull, in Süd-Island zu sehen. Fotos: Bjarni Brynjólfsson und Páll Stefánsson. Musik: Páll Kjartansson.
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Im ersten Kapitel von Draumalandid (Traumland) kommt ein isländischer Taxifahrer zu Wort: „Ihr Schreiberlinge habt den Kontakt mit der Realität verloren.“ Das war 2006. Inzwischen haben viele Menschen im Traumland den Boden unter ihren Füssen verloren, und das waren nicht alles nur Glücksritter, die glaubten, auf Seifenblasen flöge es sich besonders gut.
Nein, den Film Draumalandid habe sie nicht gesehen, sagte eine Buchhändlerin in Akureyri zu mir, und überhaupt sei „der“ ein Träumer. „Der“, damit meinte sie den Autor und Regisseur Andri Snaer Magnason.
Das war im Mai letzten Jahres, als sich die Realisten von 2006 erstaunt die Augen rieben: Die Ereignisse des vergangenen halben Jahres – wirtschaftlicher Zusammenbruch, Topfdeckelrevolution und Regierungswechsel – übertrafen ihre schlimmsten Albträume.
Ein halbes Jahr später fragte ich einen Buchhändler in Reykjavík, ob Draumalandid auf DVD herauskäme – der junge Mann holte die Meinung eines Kollegen ein, sah mich ernst, aber auch irgendwie erleichtert an und versicherte, es werde keine DVD geben. Sag niemals nie! Inzwischen besitze ich die Draumalandid-DVD wie auch das Buch in englischer Version.
Illustration auf dem Cover der englischen Ausgabe von Draumalandid (Dreamland, 2008).
Wenn Draumalandid – das Buch – dieses Jahr endlich auf deutsch herauskommt, sollte man sich beim Lesen immer wieder klarmachen: Dieses „Selbsthilfe-Handbuch für eine verängstigte Nation“ ist von 2006, geschrieben in einer Zeit, in der Island noch als eines der reichsten und glücklichsten Länder der Welt galt und doch so voller Angst vor dem Verlust seines Wohlstandes war, dass es sich daran machte, seine Natur in Terawatt zu transformieren und ans ausländische Kapital zu verkaufen.
In Deutschland war Andri Snaer Magnason weitgehend unbekannt, denn wer hat schon sein Kinderbuch „Die Geschichte vom blauen Planeten“ (Leipziger Kinderbuchverlag, 2007) gelesen? Auf dem blauen Planeten leben nur Kinder, die nie erwachsen werden. Bis Riesen-Gaudi landet, immer neue Träume weckt und postwendend erfüllt – nur der Preis wird immer höher ...
Seit letztem Wochenende hat sich der Bekanntheitsgrad des isländischen Autors in Deutschland schlagartig erhöht – und etwa 1.200 Hamburger erlebten ihn sogar live anlässlich der Kairos-Preisverleihung im Deutschen Schauspielhaus.
Dass „der“ da ein Träumer ist, das meinen nicht nur Taxifahrer und Buchhändler. Doch was die einen für einen Makel halten, wissen andere zu schätzen. „Ein Träumer auf der Insel des Realismus?“ – unter diesem Titel stellte Halldór Gudmundsson, der rührige Vertreter der isländischen Literatur, Andri Snaer in Hamburg vor.
Isländer seien es gewohnt, sich Neues unbelastet und unbekümmert anzueignen. Das Land, das keine bürgerliche Kultur entwickeln, keine industrielle Revolution durchlaufen konnte, sei offen für neue Gedanken, Diskussionen und Wege. Kein Komponist hätte im 19. Jahrhundert sein Stück wiedererkannt, das auf einem der sieben in Island vorhandenen Klaviere intoniert wurde, scherzt Halldór Gudmundsson.
Träumen heisst: mit Klängen, Bildern, Möglichkeiten spielen. Draumalandid mitsamt Andris Träumerei zum Truppenabzug der Amerikaner war gerade publiziert, da kam die Ankündigung aus den USA, der Stützpunkt Keflavík werde aufgegeben.
Die Realität hatte die Träume eingeholt. „Da haben einige gefragt, wie ich es geschafft habe, an die Insider-Informationen zu kommen“, erzählt Andri bei seiner Dankesrede und schmunzelt. Auch Träumer können mit der Realität verbunden bleiben.
Isländische Träume aber stossen hart aneinander. Andere träumten und träumen in ihrer Unbekümmertheit davon, die Insel zu einem Zentrum der Schwerindustrie zu machen, zum globalen Finanzplatz oder wenigstens zur grössten ALUfaktur-Kolonie der Welt. Für sie existiert keine Alternative, sondern nur der Albtraum des Rückschritts: in Schaflederlatschen zurück in die Torfhütte.
Ist es diese Angst vor der Armut der Vorfahren, die die globalplayenden Wirtschaftswikinger antrieb? Warum fühlen sich Lokalpolitiker plötzlich omnipotent, wenn sie dem Manager eines multinationalen Konzerns die Hand schütteln dürfen?
Warum produzieren Menschen mit hohem Energieaufwand Produkte wie Aludosen, die sie anschliessend achtlos wegwerfen, weil sie billig und damit „wertlos“ sind? Warum zerstören sie für Verpackungsmüll ihre Umwelt? Andri Snaer Magnason stellt in Draumalandid solch „naive“ Fragen.
Andri Snaer Magnason testet mit seiner Familie den Kairos-Preis.
Vor der Veranstaltung im Schauspielhaus kann ich im Foyer ein paar Worte mit Andri wechseln. Im Buch Draumalandid hat mich ein kurzer Absatz irritiert, in dem er die geothermale Energie eine Alternative zur Wasserkraft nennt.
Andri winkt ab – sein Kommentar geht im Lärm der ankommenden Gäste unter. Aber soviel verstehe ich, dass auch für ihn der Traum von der ewig sprudelnden und keinerlei Umweltprobleme schaffenden Erdwärme – man denke nur an die Diskussionen um die Amuminiumschmelze bei Helguvík – der Vergangenheit angehört.
Nach der Preisverleihung wechselt das Gros der Theaterbesucher zum Sekt im Foyer. Auf der Bühne geben Emilíana Torrini und Pétur Hallgrímsson noch ein privates Ständchen für Andri und seine Familie.
Später treffe ich ihn wieder, er steht etwas verloren zwischen all den Hamburgern, die LoveStar signiert haben möchten, seinen am Vortag bei Lübbe erschienenen, von Tina Flecken übersetzten Roman aus dem Jahre 2002.
Eigentlich wollte ich hier auch über LoveStar schreiben, Sciencefiction, spannend und voll von seltsamen, komischen und beklemmenden Szenen. Doch Romanlesen ist Stimmungssache und ich kam noch nicht so richtig rein in die tragikomische Liebesgeschichte von Indridi und Sigrídur.
Die Dokumentation Draumalandid ist mir näher, vielleicht weil dort Menschen zu Wort kommen, die ich im Gegensatz zu den Romanfiguren aus LoveStar persönlich kenne und schätze.
Zum Beispiel Eymundur, den Biobauern aus Vallanes, der im Schlusskapitel von Draumalandid zu Wort kommt:
„Die Behörden denken anscheinend, dass zwei Sachen zusammenpassen: die Zerstörung des Landes und das Beharren auf dem Bild einer reinen und unberührten Natur. Ich glaube, das ist der grösste Fehler in der isländischen Geschichte.“
Im Mündungsgebiet der Gletscherflüsse bei Húsey.
Oder Örn aus dem bedrohten Vogelparadies Húsey, der im Film Draumalandid berichtet, wie mit dem Bau des Kárahnjúkar-Staudamm die Sandstürme über das etwa 150 Kilometer entfernte Mündungsdelta der Gletscherflüsse kamen, den Menschen das Atmen erschwerten und dem Sterntaucher das Brüten verleideten.
Vielleicht auch, weil Örn mich gebeten hatte, seinen Landmann und Mitstreiter zu grüssen, wenn er im fernen Hamburg geehrt werde. Fast hätte ich es vergessen, doch als Andri mein Exemplar von LoveStar signierte und ich einen Moment bedauerte, dass es nicht „Traumland“ war, fiel es mir wieder ein.
Bernhild Vögel – ice@birdstage.net
www.birdstage.net